Jochen - Seine Spielgeschichte

Ich bin Jochen, 38 Jahre, aus einer Großstadt in NRW und ich bin spielsüchtig!

Schon in meiner Kindheit kam ich beim Frühschoppen meines Vaters in Verbindung mit Spielautomaten. Ich bekam 2 oder 5 DM, um an ihnen spielen zu können. Ich habe sogar einmal einen guten Gewinn an ihm gemacht und war stets fasziniert von diesen Geräten. Daher wünschte ich mir so einen Automat sogar zu Weihnachten, habe ihn aber nicht bekommen. Als ich dann ins Jugendalter kam, verschwand diese Vorliebe dann bis zu einem Abend, als ich ein neues Bistro besuchte, da war ich 17 Jahr alt. Ich entdeckte dort einen Automaten und warf 2 DM hinein. Es leuchtete schön und die Musik dudelte vor sich hin und plötzlich fing das Serien-Laufwerk an zu zählen und endete bei der Zahl 100. Wow, dachte ich, was ist denn jetzt??? Moral von der Geschichte: Ich bekam 150 DM aus dem Automat....SUPER! Nur ein Wochenende später gewann ich, allerdings bei einem Einsatz von schon 10 DM, einen Betrag von 60 DM. Super das wird wohl immer so weitergehen.... Ein fataler Irrtum, wie sich Jahre später herausstellen sollte.

Ich fing an, in jeder Pommesbude, wo man was kaufte, mein Restgeld in den Automaten zu stecken. Es steigerte sich, daß ich auch in der Schul– und Freizeit diese Automaten suchte. Aber eine neues Problem ließ nicht lange auf sich warten: Wie bekomme ich das Geld zum Spielen? Ich nahm Neben– und Ferienjobs an. Zuerst arbeitete ich, nahm das Geld und verspielte es. Später ließ ich mir Geld schon vorab auszahlen und verspielte es und zum Schluß konnte ich, weil ich gar keine Lust mehr zum Arbeiten hatte, den Vorschuß gar nicht mehr bedienen. Ich verspielte mein seit Kindheit gespartes Sparbuch innerhalb von 4 Wochen. Und dann gingen die Probleme erst richtig los, die lauteten:

LÜGEN  und  ANGST

Ich erfand immer neue Märchen, um meinen Eltern und meiner Freundin gegenüber zu erklären, daß ich nie Geld hatte. Irgendwie konnte ich mich immer rausreden. Aber das schlechte Gewissen, mit dem ich mich ja auseinander setzen mußte, wurde immer größer. Außerdem wuchs meine Angst davor, entweder in der Spielhalle erwischt zu werden oder daß die Story mit dem Sparbuch herauskommen würde. Ich wurde immer ungenießbarer. Der Tag X kam und mein Vater entdeckte das geleerte Sparbuch; was für ein Tag: Ich sah meine Eltern das erste Mal weinen und meine Freundin drohte mich zu verlassen, wenn sich nicht unverzüglich etwas änderte. Ich fuhr mit meinem Vater zu einem Psychologen, der aber gar keinen Schimmer von diesen Problemen hatte. Ich hielt es aus, 14 Tage nicht zu spielen ... doch dann fing es wieder an:
... die SUCHT!
Ich spielte nun bis zu meinem 31. Lebensjahr in Spielhallen. In den Jahren habe ich meine Eltern und meine wechselnden Freundinnen nie die Wahrheit zu diesem Thema gesagt. Ich wollte meine Eltern nie damit belasten – um sie zu schonen. Ich lebte in meiner eigenen kleinen Welt. Die Realität entfernte sich mir immer weiter. Ich verballerte alles, was ich konnte und log meine Eltern immer an, als sie mich fragten, ob ich spielen würde. Ich lieh mir überall Geld, nahm Kredite auf, ohne einen Gedanken daran zu verschenke, wie ich diese je zurückzahlen könnte. Ich geriet in einen Todeskreislauf, der folgendermaßen ablief: Ich besorgte mir Geld, ging zocken: Entweder bis ich kein Geld mehr hatte oder die Halle zumachte – danach aufgewühlt, fing ich an zu essen, um ruhig zu werden und schlief vor dem TV ein. Morgens wachte man auf, überlegte, was man angestellt hatte und hatte keine Lust, arbeiten zu gehen ( ich bin selbstständig ), weil man eh wußte, daß man alles verspielen würde. Also fing man an zu verdrängen und eine Art Leerlauf im Kopf zu entwickeln, welcher bis zum Abend halten mußte, denn von da ab konnte ich ja wieder zocken gehen ... und der Kreislauf begann von vorne. Ich war mittlerweile 31 Jahre alt und lernte eine neue Leidenschaft kennen, die mich von heute auf morgen vom Spielautomaten wegbrachte:

Die Sportwette!

Ich versuchte mein großes Fußballwissen zu Geld zu machen und – ähnlich wie beim Automaten – gelang mir das auch am Anfang gleich. Aber auch der negative Kreislauf entstand wieder.
Und dann kam der Tag Y: Mein Vater fragte mich beim Mittagessen, ob ich spiele? Ich fragte ihn, ob er mir glauben würde, daß ich nicht spiele: Er sagte NEIN. Darauf fragte ich ihn, ob er es verkraften würde, wenn ich spielen würde: Er sagte: „Ich weiß es nicht".
Aber da ich keinen anderen Ausweg mehr sah, mittlerweile Sportwetten machte, ich totalen Realitätsverlust hatte, hoch verschuldet war und nur noch ans Spielen dachte, sagte ich es meinen Eltern. Sie haben sehr gut reagiert und mir auch versucht, was in ihrer Macht steckte und mir geholfen. Ich suchte einen Therapeuten auf. Er war auf dieses Thema spezialisiert. Ich redete mir den Frust von der Seele und fühlte mich klasse und befreit. Ich nahm 8–10 in Anspruch und dachte, er heilt mich. Aber auch das war ein fataler Fehler. Es kam soweit, daß ich morgens zur Therapie gegangen bin und abends meinen Wettschein abgegeben habe.
Ich beendete die Therapien und versank wieder im Spielsumpf. Da ich ja von zuhause wetten konnte, mußte ich ja gar nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen. Ich vernachlässigte ALLES! Ich gab meine Freunde auf, lieh mir hohe Summen ohne Rücksicht auf Andere, ging nicht mehr weg und bekam diesen Tunnelblick: Wie bekomme ich Geld, wie sind die Quoten und wann ist das Spiel? Ich ließ keinen mehr an mich ran, der Telefon–Wortschatz war nur noch: JA – NEIN – HHmm. Bis es mir eines Tages zu bunt wurde und der Tag Z kam:
Es war der 13.08.2006 und ich gewann 900€ und sagte mir, das dies das letzte Mal sei!
Ich war es satt, diese ewige Achterbahnfahrt der Emotionen, diese soziale Isolation, der Druck der Gläubiger, Gerichtsvollzieher, meine traurigen Eltern usw.
Ich will wieder leben!!!
Ich redete mit meiner Mutter, die es immer vermutet hatte, daß ich noch spiele und erzählte ihr von meiner Sucht. Ich rief die Hotline an und machte einen Termin bei der Suchthilfe. Seit 14.08.2006 besuche ich nun eine Motivationsgruppe für Spielsüchtige, wo man eine ambulante oder stationäre Therapie in Anspruch nehmen kann. Ich habe mich für eine stationäre Therapie entschieden, die Anfang Januar losgehen wird.
Diese Motivationsgruppe gibt mir die Kraft und den Halt, die ich brauche, um spielfrei zu bleiben. Ich bin froh und glücklich, diese Menschen kennen gelernt zu haben und zu wissen, daß es Menschen gibt, die die gleichen Probleme haben.
Ich bin auch seit fast 2 Jahren bei einer Schuldnerberatung, die sich mit meinen Gläubigern auseinander setzt und mir so sowohl den finanziellen Druck als auch den Spieldruck nimmt, der oft durch eingehende Mahn- und Vollstreckungsbescheide aufkam.
Ich bin jetzt seit 4 Monaten, bis auf einen anfänglichen Rückfall, spielfrei. Der Rückfall war für mich eher hilfreich als schädlich. Ich habe gemerkt, daß ich keine Garantie habe, dass mein Spiel Gewinn bringt. Ich habe meinen Weg weiter durchgezogen und erkenne, was es im Leben alles gibt und was ich versäumt habe. Ich kann die vergangene Zeit nicht noch einmal erleben, aber ich kann heute, hier und jetzt leben und das will ich. Ich fühle mich momentan sehr wohl und erkenne das SCHÖNE wieder am Leben.